Als die Finanzkrise im Jahr 2008 und 2009 entgegen der Erwartungen der russischen Regierung auch Russland erfasste, war die Ausgangssituation eine ganz andere als vor der aktuellen Krise. Zwar brach das russische BIP im Jahr 2009 um 7,8% ein, allerdings verfügte der Staat vor allem durch den Stabilisierungsfonds über ausreichende Mittel, um die meisten Russen vor drastischen Krisenauswirkungen zu schützen. Im Folgenden sind einige wichtige Unterschiede zwischen den Vorkrisen-Jahren 2008 und 2013 dargestellt. Der offensichtlichste und vielleicht auch wichtigste Unterschied - die geopolitische Lage - soll dabei erst einmal ausgeblendet werden.
Das Verhältnis von Auslandsschulden und Reserven - 2008 verfügte der Russland über Devisenreserven in Höhe von etwa $600 Mrd., während die Verschuldung der Unternehmen im Ausland bei knapp über $400 Mrd. lag. Diese Relation hat sich nun umgekehrt. 2013 lagen die Auslandsschulden der Unternehmen deutlich über $600 Mrd, die Reserven um die $500 Mrd.
Die wirtschaftliche Dynamik - Von 2004 bis 2008 erlebte Russland einen enormen Wirtschaftsboom mit jährlichen Wachstumsraten zwischen 5% und 8%. Die Finanzkrise erwischte das Land in einer Phase der wirtschaftlichen Euphorie. Ende 2013 sind die Ausgangsbedingungen ganz anders: Obwohl die Ölpreise fast doppelt so hoch waren wie während der Boomjahre Anfang der 2000er, wuchs die russische Wirtschaft schließlich nur mit 1,3%. Die Gründe hierfür liegen zum geringeren Teil außerhalb des Landes (das Ende der quantitative-easing-Politik der USA). Innerhalb Russlands wird schon seit einigen Jahren ein ökonomischer "driver" vermisst, irgendetwas, das für Wachstum sorgen könnte. Offensichtlich sind die catch-up-Prozesse und der Ölpreis hierfür nicht mehr stark genug. Auf Innovation wurde gehofft, aber schließlich wurde sie nur als "top-down"-Vorgang verstanden, während Innovation durch Wettbewerb und kreative Zerstörung durch die Schwäche der rechtlichen Institutionen kaum möglich war.
Die öffentlichen Haushalte im allgemeinen - Während sich ein Haushaltsüberschuss in Krisenzeiten problemlos umverteilen lässt, ist der umgekehrte Vorgang - das Kappen von Ausgaben - ein schwieriger und politisch konfliktreicher Vorgang. Vor der Krise 2009 erwirtschaftete Russland große Haushaltsüberschüsse. Die Ausgabenpositionen - und damit die Ansprüche der Empfänger staatlicher Gelder - waren weit weniger umfangreich. Dem Finanzminister Kudrin gab dies 2009 wichtigen Handlungsspielraum. Obwohl der Staat inzwischen wesentlich mehr einnimmt als damals, sind die Ausgaben in der Zwischenzeit überproportional gewachsen. Hier sind besonders die Militärausgaben erwähnenswert, die 2015 zum ersten Mal über 20% des Haushalts ausmachen werden. Die neue Ausgabenstruktur sorgte bereits 2013 für ein Haushaltsdefizit - trotz sehr hoher Ölpreise. Der aktuelle Finanzminister Siluanow hat es jetzt wesentlich schwerer, einen Krisenhaushalt aufzustellen. Ursprünglich waren Ausgabenkürzungen von 10% für 2015 geplant. Letztlich konnte Siluanow nur 2% durchsetzen.
Die Haushalte der Regionen - Die russischen Regionen finanzieren sich vor allem über die Einkommenssteuern und die Körperschaftssteuern. Die wichtigsten Ausgabenposten sind die Gesundheitsversorgung und die Bildung. In den vergangenen Jahren hat die Verschuldung der Regionen deutlich zugenommen, was nicht zuletzt daran lag, dass wichtige Einnahmen- und Ausgabenposten in populistischen Manövern aus Moskau diktiert wurden (höhere Gehälter, geringere Gebühren). Im Jahr 2014 wuchsen die Schulden der Regionen um 29 Prozent auf 1,7 Billionen Rubel an (immerhin fast ausschließlich in Rubel und bei inländischen Banken). Seit 2009 haben sie sich verdreifacht. Die Regionen sind daher in der Krise wesentlich mehr als 2009 auf die Unterstützung aus Moskau angewiesen und die Situation in den sozialen Einrichtungen könnte sich schneller zuspitzen.
Lokale vs. weltweite Krise - Russland ist zwar nicht das einzige Land, das unter den sinkenden Ölpreisen leidet, aber im Unterschied zu 2009 geht es den westlichen Industrieländern aktuell recht gut. Vor allem in den USA deutet sich aktuell ein neuer Wirtschaftsboom an. Dies hat zur Folge, dass Russland nicht von Anti-Krisen-Politik anderer Länder profitieren kann. Zwar sichert die allgemein gute Lage im Westen die Preise der Rohstoff-Exporte jenseits von Öl und Gas, aber die zunehmend restriktivere amerikanische Geldpolitik sorgt dafür, dass die USA für Investoren wieder interessanter werden und weniger Kapital den Weg in andere Märkte sucht. Die dagegen sehr expansive Geldpolitik der Zentralbanken während und nach der Finanzkrise hatte auch positive externe Effekte auf Russlands wirtschaftliche Entwicklung, wo sie wie eine Kapitalspritze fungierte (die hohe Auslandsverschuldung der russischen Unternehmen zeigt dies).
Der Arbeitsmarkt - Zu guter Letzt gibt es auch eine gute Nachricht im Vergleich der russischen Wirtschaftskrisen. Die Arbeitslosigkeit war zuletzt auf einem historischen Tiefststand angekommen. Lag sie vor der Krise 2009 bei - auch schon sehr guten - 5,5%, war der entsprechende Wert, fiel sie Mitte 2014 sogar noch auf 4,8%. Inzwischen macht sich die Krise allerdings auch in dieser Statistik bemerkbar (aktuell: 5,5%).
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