Am vergangenen Freitag bekam die Moskauer Zentrale von Lamoda Besuch von der russischen Sonderpolizei OMON (beschrieben in meinem vorherigen Eintrag). Inzwischen liegen einige Äußerungen von Lamoda selbst vor, die die Lage nicht wirklich aufklären, aber dennoch interessant sind.
Von der Durchsuchung berichtete ursprünglich der Sender Livenews, den man sich als eine Art BILD mit starkem propagandistischen Einschlag/Auftrag vorstellen muss: Hang zum Drama, aber mit guten Kontakten. Die Nachricht wurde in der Folge auch von Qualitätsmedien aufgegriffen, die sich dann auf die Firma selbst beriefen, und nicht mehr auf "ungenannte Quellen", wie bei Livenews der Fall.
Das Business-Journal RBK beruft sich am Freitagnachmittag auf einen Angestellten von Lamoda, der den Journalisten gegenüber bestätigt hat, dass bei Lamoda Dokumente beschlagnahmt wurden.
Außerdem erklärte die PR-Abteilung von Lamoda am Freitag, sie habe "keine Ahnung, was die Gründe [des Polizei-Besuchs] sein könnten" (laut Vedomosti, ebenfalls eine respektable Zeitung).
Inzwischen hat Lamoda diese Aussagen revidiert. Am Wochenende noch gab es ein offizielles Statement, dass es sich um eine vorher geplante Steuerprüfung gehandelt habe, und dass keineswegs Dokumente oder Computer beschlagnahmt wurden (ebenfalls lt. Vedomosti). Die Firma sei auf die Steuerprüfung vorbereitet gewesen. Ursprünglich hatte Livenews massenhafte Unregelmäßigkeiten beim Zoll als Grund genannt.
Auch wenn nicht auszuschließen ist, dass diese Aussagen von Lamoda stimmen, wirkt das letzte Statement doch vor dem Hintergrund der Äußerungen vom Freitag wie versuchte Schadensbegrenzung. Klar ist auch: Eine Steuerprüfung braucht nicht den Einsatz der Sonderpolizei OMON, die eigtl. für ganz andere Dinge zuständig ist (siehe "Auftrag" hier). Darüber hinaus gibt es auch eine Steuerpolizei, die den Prüfern zur Seite stehen könnte. Die Maski-Show von OMON zeigt in meinen Augen, dass Einschüchterung definitiv Teil des Auftrags war.
Eine Enteignung (d.h. juristische Verfolgung, die in einem Notverkauf endet) von Lamoda wäre evtl. ein zu großer Skandal, das ist - auch wenn ausländische Unternehmen wie McDonalds in den letzten Monaten Zielscheibe von nationalistischer Politik geworden sind - erst einmal unwahrscheinlich. Die Schikane könnte als Hintergrund haben, dass jemand am Erfolg von Lamoda teilhaben möchte und sich bisher nicht ausreichend gewürdigt fühlt.
Hier beginnt nun wirklich der Bereich der Spekulation. Auf Grundlage meiner Gesprächen mit Unternehmern vor Ort sowie der Literatur ist diese "Teilhabe" von Akteuren aus Behörden und Polizei aber der Normalfall in Russland. Ausländische Unternehmer schienen hiervon bisher weniger betroffen zu sein. Das "Anzapfen" eines Ausländers ist für die Behörden unberechenbarer und risikoreicher. Interessanterweise schützt die Ausländer hier manchmal ihre eigene Illusion, sich in einem Rechtsstaat zu befinden: Sie lassen sich weniger schnell auf informelle Deals ein und versuchen, bis zur letzten Instanz in Gerichten zu ihrem Recht zu kommen.
Die Steuerprüfung ist in Russland berühmt-berüchtigt, und dass es meistens nicht harmlos ausgeht, zeigt auch dieser russische Witz:
Ein Russe, ein Franzose und ein Amerikaner streiten sich darüber, was Glück bedeutet.
Der Amerikaner sagt: "Glück ist für mich, wenn ich am Strand sitze, mir gemütlich einen Whisky eingieße, aufs Meer hinausschaue und meine Jacht bewundere."
Der Franzose sagt: "Nein, das soll Glück sein? Glück ist, in einem guten Restaurant zu sitzen und Clicquot zu trinken, mit einer hübschen Frau rechts von mir und einer links von mir - wohl wissend, dass zu Hause noch eine hübsche Frau wartet."
Der Russe sagt: "Das ist doch auch kein Glück. Glück bedeutet, früh morgens aufzustehen, aus dem Fenster zu schauen, und dort zwei Busse ankommen zu sehen. Aus dem einen Bus springt die Steuerpolizei, aus dem anderen kommen die Männer von OMON in voller Montur gerannt. Sie kommen in deine Wohnung und brüllen dich an: <Ist das hier die Hauptstraße 6?!>. Und du sagst ihnen: <Nein, sorry, ist die 8>. Das ist Glück!"
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Montag, 1. Dezember 2014
Freitag, 28. November 2014
"Berliner" Startup Lamoda in Gefahr?
Die Firma Lamoda ist der russische Ableger des Berliner Unternehmens Zalando. Gegründet und aufgebaut wurde es von vier jungen deutschen Entrepreneurs, die im russischen Online-Handel wirklich Pionierarbeit geleistet haben und ihr Startup nach und nach zum drittgrößten russischen Modeversand ausbauten.
Ich erinnere mich noch gut an eine Tagung, bei der zwei der Gründer von Lamoda zum Thema "Unternehmertum in Russland" referiert haben, und bei der der Konsens auf dem Podium war: Unternehmertum in Russland ist unglaublich kompliziert (aber wo ist es das nicht?), unglaublich schwierig (aber wo ist es das nicht?) und risiko/ertragreich. Also eigentlich ganz alles normal in Russland?
Es ist den Gründern des Unternehmens Lamoda nicht zu wünschen, dass sie ihre Meinung im Nachhinein werden revidieren müssen. Vielleicht hat aber heute für sie ein neues Kapitel des "Unternehmertums in Russland" begonnen, eins, das schon so viele vor Ihnen kennenlernen mussten und über das es schon wissenschaftliche Studien (Stichwort "corporate raids", bspw. von Michael Rochlitz) sowie Filme gibt (etwa der russische Film/Roman "Rejder").
Die Büros des Unternehmens wurden heute von der russischen Sonderpolizei "OMON" durchsucht. OMON, das sind eigentlich die Leute fürs Grobe, die auf Demonstrationen Staats-Gewalt ausüben und in ihren Outfits immer sehr martialisch daherkommen. Wen bekämpfen diese Staatsdiener aber im Startup Lamoda?
Unter russischen Geschäftsleuten heißt der Auftritt, der bei Lamoda dem Vernehmen nach stattgefunden hat, "Maski Show". Maskierte Männer stürmen dabei Büros, häufig auch mit Maschinengewehren bewaffnet, um erst einmal mächtig Eindruck zu machen. Dann entwenden sie Dokumente und Computer, wie es laut "Skandalsender" Lifenews auch bei Lamoda geschehen ist, und ... danach können verschiedene Dinge passieren. Wir wünschen den Jungs von Lamoda nur das Beste, aber wenn man sich den Fall von Hermitage Capital anschaut, sehr schön (und sehr dramatisch) zusammengefasst in diesem Video, dann sieht es nicht gut aus.
Irgendjemand will etwas von der Firma Lamoda. Vielleicht ist die Firma zu erfolgreich und dadurch zu einem Leckerbissen geworden? Jetzt geht es darum: Wie mächtig ist diese Person? Wie viel will diese Person?
Es könnte der Auftakt zu einem Wirtschaftskrimi sein, wie er bisher unter den zahlreichen Online-Startups in Russland eher selten war, da diese Unternehmen nach einer feindlichen Übernahme, d.h. ohne die Gründer, häufig nur noch schlecht funktionieren. Oder ist alles am Ende nur ein Missverständnis? Die nächsten Tage werden spannend - sowohl für Lamoda, als auch für einen ganzen - den innovativsten - Wirtschaftszweig Russlands.
Der Link zur Homepage von Janis Kluge: http://www.janis-kluge.com
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Mittwoch, 17. September 2014
Der Fall des Wladimir Jewtuschenkow
Die Verhaftung des russischen Milliardärs Wladimir Jewtuschenkow ist das Ende eine Ära. Dem 65jährigen wird vorgeworfen, bei der illegalen Übernahme eines Ölunternehmens in Baschkortistan (Baschneft) beteiligt gewesen zu sein, indem er die übereigneten Aktien in seine Holding AFK Sistema "gewaschen" hat. Initiiert wurde die kriminelle Übernahme laut Anklage von Ex-Baschneft-Chef Ural Rachimow, dem Sohn des ersten Präsidenten von Baschkortistan, Murtasa Rachimow.
Nun ist dieser Vorwurf nichts besonderes. Ähnliche Verfahren laufen in Russland hundertfach in jedem Jahr, wovon die Statistik der "ökonomischen Verbrecher" in russischen Gefängnissen zeugt. Auch geschieht es häufiger, dass Mitglieder der obersten Führungsschicht Russlands in Ungnade fallen - zuletzt traf es den ehemaligen Verteidigungsminister Serdjukow, der nach einem gigantischen Korruptionsskandal entlassen wurde. Dies wurde damals als Zeichen gewertet, dass Putin dabei ist, die schlimmsten Auswüchse der Korruption einzugrenzen.
Die Verhaftung von Jewtuschenkow fällt aber in eine andere Kategorie. Der Aufstieg des Milliardärs ist eng mit der politischen Karriere des ehemaligen Moskauer Bürgermeisters Jurij Luschkow verknüpft. Der besonders in den 1990ern sehr mächtige Luschkow wurde bereits 2010 von Dmitri Medwedjew "abgesägt". Damit verlor Jewtuschenkow einen wichtigen Unterstützer. Aber die Oligarchen der Putin-Jahre haben dazugelernt und sichern sich inzwischen in alle möglichen Richtungen ab. Jewtuschenkow selbst betonte in einem Interview des Fernsehkanals TV Doschd, dass er viele gute Freunde auf vielen Seiten habe. Er war Putin gegenüber absolut loyal. Auch spielte er nicht das unter den Kollegen Jewtuschenkows beliebte und vom Kreml ungern gesehene Offshore-Spielchen: Während bspw. Michail Fridman (der zweitreichste Russe) seine russischen Unternehmen über ineinander verschachtelte Investment-Gesellschaften in vier verschiedenen Steueroasen betreibt, ist Jewtuschenkows Holding stets "dem Vaterland treu" geblieben.
Dass diese Strategie im Fall von Jewtuschenkow nicht aufging, wird die Wirtschaftselite in Russland erschrecken. Seit Chodorkowskij ist kein Oligarch ersten Ranges mehr zu Fall gebracht worden. Die kolportierte Übereinkunft zwischen den Milliardären und Putin - wir halten uns aus der Politik raus und du lässt uns wirtschaften - scheint gebrochen. Und das zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt - die Verhaftung trifft das Wirtschaftsklima in Russland hart und wird zu weiterer Kapitalflucht führen, zu einer Zeit, in der Sanktionen und Ukraine-Krieg schwer auf der russischen Ökonomie lasten.
Putin kann dies nicht schmecken. Eine mögliche Interpretation der Situation ist, dass der von Putin stark gemachte Igor Setschin, der den Ölkonzern Rosneft kontrolliert und auch auf den Sanktionslisten steht, das Unternehmen in Baschkortistan gerne seiner Sammlung hinzufügen würde. Setschin hatte zuletzt sogar in den Märkten von Gasprom gewildert, ist also zweifellos enorm selbstbewusst. Durch die Verhaftung von Jewtuschenkow hat er bereits den möglichen Kaufpreis von Baschneft deutlich reduziert: Das Unternehmen hat nach Börsenkurs seit gestern 1 Mrd. Euro an Marktwert eingebüßt. Verliert Putin hier die Kontrolle über die von ihm geschaffene Wirtschaftsordnung? Oder ist in Putins staatskapitalistischer Wirtschaftsstrategie die nächste Stufe erreicht, bei der die großen Oligarchen ihren Teil abgeben müssen?
Jewtuschenkow hatte keine Illusionen über den Zusammenhang von Wirtschaft und Politik in Russland. 2012 kommentierte er den Fall Chodorkowski mit den Worten: "In unserer Gesellschaft muss die ökonomische Macht immer mit der politischen Macht korrespondieren. Wenn du politisch mächtig genug bist, kannst du auch ein großes Unternehmen kontrollieren. Wenn dein Unternehmen größer ist als deine politische Macht, wird es sehr schwer für dich sein, es zu halten."
Treffender hätte er auch seine eigene Verhaftung nicht kommentieren können.
Nun ist dieser Vorwurf nichts besonderes. Ähnliche Verfahren laufen in Russland hundertfach in jedem Jahr, wovon die Statistik der "ökonomischen Verbrecher" in russischen Gefängnissen zeugt. Auch geschieht es häufiger, dass Mitglieder der obersten Führungsschicht Russlands in Ungnade fallen - zuletzt traf es den ehemaligen Verteidigungsminister Serdjukow, der nach einem gigantischen Korruptionsskandal entlassen wurde. Dies wurde damals als Zeichen gewertet, dass Putin dabei ist, die schlimmsten Auswüchse der Korruption einzugrenzen.
Die Verhaftung von Jewtuschenkow fällt aber in eine andere Kategorie. Der Aufstieg des Milliardärs ist eng mit der politischen Karriere des ehemaligen Moskauer Bürgermeisters Jurij Luschkow verknüpft. Der besonders in den 1990ern sehr mächtige Luschkow wurde bereits 2010 von Dmitri Medwedjew "abgesägt". Damit verlor Jewtuschenkow einen wichtigen Unterstützer. Aber die Oligarchen der Putin-Jahre haben dazugelernt und sichern sich inzwischen in alle möglichen Richtungen ab. Jewtuschenkow selbst betonte in einem Interview des Fernsehkanals TV Doschd, dass er viele gute Freunde auf vielen Seiten habe. Er war Putin gegenüber absolut loyal. Auch spielte er nicht das unter den Kollegen Jewtuschenkows beliebte und vom Kreml ungern gesehene Offshore-Spielchen: Während bspw. Michail Fridman (der zweitreichste Russe) seine russischen Unternehmen über ineinander verschachtelte Investment-Gesellschaften in vier verschiedenen Steueroasen betreibt, ist Jewtuschenkows Holding stets "dem Vaterland treu" geblieben.
Dass diese Strategie im Fall von Jewtuschenkow nicht aufging, wird die Wirtschaftselite in Russland erschrecken. Seit Chodorkowskij ist kein Oligarch ersten Ranges mehr zu Fall gebracht worden. Die kolportierte Übereinkunft zwischen den Milliardären und Putin - wir halten uns aus der Politik raus und du lässt uns wirtschaften - scheint gebrochen. Und das zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt - die Verhaftung trifft das Wirtschaftsklima in Russland hart und wird zu weiterer Kapitalflucht führen, zu einer Zeit, in der Sanktionen und Ukraine-Krieg schwer auf der russischen Ökonomie lasten.
Putin kann dies nicht schmecken. Eine mögliche Interpretation der Situation ist, dass der von Putin stark gemachte Igor Setschin, der den Ölkonzern Rosneft kontrolliert und auch auf den Sanktionslisten steht, das Unternehmen in Baschkortistan gerne seiner Sammlung hinzufügen würde. Setschin hatte zuletzt sogar in den Märkten von Gasprom gewildert, ist also zweifellos enorm selbstbewusst. Durch die Verhaftung von Jewtuschenkow hat er bereits den möglichen Kaufpreis von Baschneft deutlich reduziert: Das Unternehmen hat nach Börsenkurs seit gestern 1 Mrd. Euro an Marktwert eingebüßt. Verliert Putin hier die Kontrolle über die von ihm geschaffene Wirtschaftsordnung? Oder ist in Putins staatskapitalistischer Wirtschaftsstrategie die nächste Stufe erreicht, bei der die großen Oligarchen ihren Teil abgeben müssen?
Jewtuschenkow hatte keine Illusionen über den Zusammenhang von Wirtschaft und Politik in Russland. 2012 kommentierte er den Fall Chodorkowski mit den Worten: "In unserer Gesellschaft muss die ökonomische Macht immer mit der politischen Macht korrespondieren. Wenn du politisch mächtig genug bist, kannst du auch ein großes Unternehmen kontrollieren. Wenn dein Unternehmen größer ist als deine politische Macht, wird es sehr schwer für dich sein, es zu halten."
Treffender hätte er auch seine eigene Verhaftung nicht kommentieren können.
Donnerstag, 17. April 2014
Deutsch-Russische Verflechtungen und Sanktionen
Mit dem Fortdauern der Ukraine-Krise rücken Wirtschaftssanktionen gegen Russland in den Bereich des Möglichen. Dabei wird vor allem in Deutschland immer wieder gewarnt, dass die deutsche Wirtschaft darunter sehr leiden würde, da Deutschland und Russland ökonomisch eng miteinander verflochten sind.
Wie eng sind diese Verbindungen aber wirklich und welche Sanktions-Szenarien gibt es? Das Maß der ökonomischen Verflechtung lässt sich mit zwei Kennzahlen relativ gut zeigen: Handelsumsätze und Direktinvestitionen im Ausland.
Deutschland hat 2013 aus Russland Waren und Dienstleistungen im Wert von 40,4 Mrd. Euro importiert. Damen kamen rund 4,5% der deutschen Importe aus Russland. Gleichzeitig beliefen sich die Exporte nach Russland auf 36,1 Mrd. Euro, was 3,3% der gesamten deutschen Exporte ausmacht. Diese Zahlen machen deutlich, dass Russland in der deutschen Handelsbilanz keine überragende Rolle einnimmt. Allerdings hat das Land eine besondere Bedeutung für die deutsche Energieversorgung. Rund ein Drittel des Erdgases und Erdöls sowie ein Viertel der Steinkohle kamen im vergangenen Jahr aus Russland.
Neben den Handelsumsätzen ist auch ein Blick auf die Direktinvestitionen interessant. Im Jahr 2013 lag der Bestand von Direktinvestitionen (langfristige Investitionen, die im Gegensatz zu Portfolioinvestitionen nicht ohne weiteres wieder abgezogen werden können, bspw. das VW-Werk in Kaluga im Süden Moskaus) bei 21,5 Mrd. Dollar. Damit waren etwa 4,3% des gesamten Bestands an Direktinvestitionen in Russland deutscher Herkunft. Allerdings ist die tatsächliche Bedeutung für Russland größer: Der überwiegende Teil der Direktinvestitionen, die nach Russland fließen, besteht aus sogenannten "round-tripping investments", d.h. ursprünglich russischem Kapital, das über Offshore-Finanzplätze wieder in Russland investiert wird. Derartige Investitionen bringen in der Regel kein Knowhow ins Land, ganz im Gegensatz zu den Investitionen aus Deutschland. Der Gesamtbestand deutscher Investitionen im Ausland lag 2012 bei 716 Mrd. Dollar (Quelle UNCTAD). Damit gingen 2012 ca. 2,4% der deutschen Direktinvestitionen nach Russland.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Deutschland zwar für Russland eine wichtige Rolle spielt, dies umgekehrt aber nur bedingt der Fall ist. Entscheidend könnte aber die Energieabhängigkeit Deutschlands von Russland sein.
Mit dieser Frage hat sich Roland Götz in den aktuellen Russland-Analysen ausführlich beschäftigt. Er kommt zu dem Ergebnis, dass ein Gaskrieg eher unwahrscheinlich ist. Von europäischer Seite ist ein Gasembargo nicht sinnvoll, da die Auswirkungen in Europa recht schnell spürbar würden, während die Einnahmeausfälle für Russland sich auf nur 3 Mrd. Dollar im Monat beliefen. Von russischer Seite wiederum wären die Reputations-Verluste für Gasprom langfristig zu groß, als dass ein russischer Ausfuhrstopp drohe. Besonders pikant: Die Krim wird über die Ukraine mit Gas versorgt, sodass sie dann ebenfalls abgeschnitten wäre. Falls es wirklich zu einem schwerwiegenden Handelsembargo käme, erwartet Götz dieses eher im Ölsektor - hier gibt es (im Gegensatz zum Gas) strategische Reserven, die einen Ausfall Russlands als Lieferant für mindestens 9 Monate kompensieren könnten. Gleichzeitig entgingen Russland monatliche Einnahmen in Höhe von 18 Mrd. Euro.
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