Montag, 1. Dezember 2014

Lamoda: "Alles war geplant".

Am vergangenen Freitag bekam die Moskauer Zentrale von Lamoda Besuch von der russischen Sonderpolizei OMON (beschrieben in meinem vorherigen Eintrag). Inzwischen liegen einige Äußerungen von Lamoda selbst vor, die die Lage nicht wirklich aufklären, aber dennoch interessant sind.

Von der Durchsuchung berichtete ursprünglich der Sender Livenews, den man sich als eine Art BILD mit starkem propagandistischen Einschlag/Auftrag vorstellen muss: Hang zum Drama, aber mit guten Kontakten. Die Nachricht wurde in der Folge auch von Qualitätsmedien aufgegriffen, die sich dann auf die Firma selbst beriefen, und nicht mehr auf "ungenannte Quellen", wie bei Livenews der Fall.

Das Business-Journal RBK beruft sich am Freitagnachmittag auf einen Angestellten von Lamoda, der den Journalisten gegenüber bestätigt hat, dass bei Lamoda Dokumente beschlagnahmt wurden.

Außerdem erklärte die PR-Abteilung von Lamoda am Freitag, sie habe "keine Ahnung, was die Gründe [des Polizei-Besuchs] sein könnten" (laut Vedomosti, ebenfalls eine respektable Zeitung).

Inzwischen hat Lamoda diese Aussagen revidiert. Am Wochenende noch gab es ein offizielles Statement, dass es sich um eine vorher geplante Steuerprüfung gehandelt habe, und dass keineswegs Dokumente oder Computer beschlagnahmt wurden (ebenfalls lt. Vedomosti). Die Firma sei auf die Steuerprüfung vorbereitet gewesen. Ursprünglich hatte Livenews massenhafte Unregelmäßigkeiten beim Zoll als Grund genannt.

Auch wenn nicht auszuschließen ist, dass diese Aussagen von Lamoda stimmen, wirkt das letzte Statement doch vor dem Hintergrund der Äußerungen vom Freitag wie versuchte Schadensbegrenzung. Klar ist auch: Eine Steuerprüfung braucht nicht den Einsatz der Sonderpolizei OMON, die eigtl. für ganz andere Dinge zuständig ist (siehe "Auftrag" hier). Darüber hinaus gibt es auch eine Steuerpolizei, die den Prüfern zur Seite stehen könnte. Die Maski-Show von OMON zeigt in meinen Augen, dass Einschüchterung definitiv Teil des Auftrags war.

Eine Enteignung (d.h. juristische Verfolgung, die in einem Notverkauf endet) von Lamoda wäre evtl. ein zu großer Skandal, das ist - auch wenn ausländische Unternehmen wie McDonalds in den letzten Monaten Zielscheibe von nationalistischer Politik geworden sind - erst einmal unwahrscheinlich. Die Schikane könnte als Hintergrund haben, dass jemand am Erfolg von Lamoda teilhaben möchte und sich bisher nicht ausreichend gewürdigt fühlt.

Hier beginnt nun wirklich der Bereich der Spekulation. Auf Grundlage meiner Gesprächen mit Unternehmern vor Ort sowie der Literatur ist diese "Teilhabe" von Akteuren aus Behörden und Polizei aber der Normalfall in Russland. Ausländische Unternehmer schienen hiervon bisher weniger betroffen zu sein. Das "Anzapfen" eines Ausländers ist für die Behörden unberechenbarer und risikoreicher. Interessanterweise schützt die Ausländer hier manchmal ihre eigene Illusion, sich in einem Rechtsstaat zu befinden: Sie lassen sich weniger schnell auf informelle Deals ein und versuchen, bis zur letzten Instanz in Gerichten zu ihrem Recht zu kommen.

Die Steuerprüfung ist in Russland berühmt-berüchtigt, und dass es meistens nicht harmlos ausgeht, zeigt auch dieser russische Witz:

Ein Russe, ein Franzose und ein Amerikaner streiten sich darüber, was Glück bedeutet.

Der Amerikaner sagt: "Glück ist für mich, wenn ich am Strand sitze, mir gemütlich einen Whisky eingieße, aufs Meer hinausschaue und meine Jacht bewundere."

Der Franzose sagt: "Nein, das soll Glück sein? Glück ist, in einem guten Restaurant zu sitzen und Clicquot zu trinken, mit einer hübschen Frau rechts von mir und einer links von mir - wohl wissend, dass zu Hause noch eine hübsche Frau wartet."

Der Russe sagt: "Das ist doch auch kein Glück. Glück bedeutet, früh morgens aufzustehen, aus dem Fenster zu schauen, und dort zwei Busse ankommen zu sehen. Aus dem einen Bus springt die Steuerpolizei, aus dem anderen kommen die Männer von OMON in voller Montur gerannt. Sie kommen in deine Wohnung und brüllen dich an: <Ist das hier die Hauptstraße 6?!>. Und du sagst ihnen: <Nein, sorry, ist die 8>. Das ist Glück!"

Freitag, 28. November 2014

"Berliner" Startup Lamoda in Gefahr?

Die Firma Lamoda ist der russische Ableger des Berliner Unternehmens Zalando. Gegründet und aufgebaut wurde es von vier jungen deutschen Entrepreneurs, die im russischen Online-Handel wirklich Pionierarbeit geleistet haben und ihr Startup nach und nach zum drittgrößten russischen Modeversand ausbauten.
Ich erinnere mich noch gut an eine Tagung, bei der zwei der Gründer von Lamoda zum Thema "Unternehmertum in Russland" referiert haben, und bei der der Konsens auf dem Podium war: Unternehmertum in Russland ist unglaublich kompliziert (aber wo ist es das nicht?), unglaublich schwierig (aber wo ist es das nicht?) und risiko/ertragreich. Also eigentlich ganz alles normal in Russland?
Es ist den Gründern des Unternehmens Lamoda nicht zu wünschen, dass sie ihre Meinung im Nachhinein werden revidieren müssen. Vielleicht hat aber heute für sie ein neues Kapitel des "Unternehmertums in Russland" begonnen, eins, das schon so viele vor Ihnen kennenlernen mussten und über das es schon wissenschaftliche Studien (Stichwort "corporate raids", bspw. von Michael Rochlitz) sowie Filme gibt (etwa der russische Film/Roman "Rejder").
Die Büros des Unternehmens wurden heute von der russischen Sonderpolizei "OMON" durchsucht. OMON, das sind eigentlich die Leute fürs Grobe, die auf Demonstrationen Staats-Gewalt ausüben und in ihren Outfits immer sehr martialisch daherkommen. Wen bekämpfen diese Staatsdiener aber im Startup Lamoda?
Unter russischen Geschäftsleuten heißt der Auftritt, der bei Lamoda dem Vernehmen nach stattgefunden hat, "Maski Show". Maskierte Männer stürmen dabei Büros, häufig auch mit Maschinengewehren bewaffnet, um erst einmal mächtig Eindruck zu machen. Dann entwenden sie Dokumente und Computer, wie es laut "Skandalsender" Lifenews auch bei Lamoda geschehen ist, und ... danach können verschiedene Dinge passieren. Wir wünschen den Jungs von Lamoda nur das Beste, aber wenn man sich den Fall von Hermitage Capital anschaut, sehr schön (und sehr dramatisch) zusammengefasst in diesem Video, dann sieht es nicht gut aus.
Irgendjemand will etwas von der Firma Lamoda. Vielleicht ist die Firma zu erfolgreich und dadurch zu einem Leckerbissen geworden? Jetzt geht es darum: Wie mächtig ist diese Person? Wie viel will diese Person?
Es könnte der Auftakt zu einem Wirtschaftskrimi sein, wie er bisher unter den zahlreichen Online-Startups in Russland eher selten war, da diese Unternehmen nach einer feindlichen Übernahme, d.h. ohne die Gründer, häufig nur noch schlecht funktionieren. Oder ist alles am Ende nur ein Missverständnis? Die nächsten Tage werden spannend - sowohl für Lamoda, als auch für einen ganzen - den innovativsten - Wirtschaftszweig Russlands.


Der Link zur Homepage von Janis Kluge: http://www.janis-kluge.com

Mittwoch, 19. November 2014

Selbstbedienung nach Dienstgrad

War Putins Präsidentschaft in den letzten 14 Jahren ein Heilsbringer für die russische Wirtschaft oder hat sich das russische BIP vielmehr trotz Putin, und nicht wegen ihm verdoppelt? Was ist von seinen Wachstumsankündigungen in der ARD zu halten? Grundsätzlich lassen sich zwei Positionen hierzu ausmachen:

Die kritischeren Beobachter verweisen auf die gestiegenen Rohstoffpreise als Erklärung für das Wachstum in der Vergangenheit und fügen hinzu, dass die Korruption, einer der Wachstumstöter schlechthin, unter Putin vermutlich eher zu- als abgenommen hat. Die andere Seite behauptet, die wirtschaftlichen Erfolge gingen darauf zurück, dass mit Putins Amtsantritt neue und verlässlichere Regeln für Wirtschaft und Staat geschaffen wurden, wie die Vereinfachung des Steuersystems oder der kolportierte "Schaschlik-Deal" zwischen dem Kreml und den Oligarchen.

Was gilt nun - mehr Korruption oder mehr Regeln? Berichte wie die neuesten Ermittlungen von Reuters lassen eine Erklärung zu, in der beide Seiten recht haben. Die Korruption in Russland hat nicht abgenommen, aber sie verläuft in geordneteren Bahnen. Zwar ist das Brechen des Gesetzes an sich kein Problem, ein Problem ist aber das unangemessene Brechen des Gesetzes. Wie der Polizeichef seinem Untergebenen in Gogols Revisor vorwirft: "Nje po tschinu berjosch!" - du nimmst nicht nach Dienstgrad. So lässt sich erklären, dass es auch in Putins Russland immer wieder genuine Strafverfolgung gegen Korruption gibt. Danach hat sich etwa der ehemalige Verteidigungsminister Serdjukow über die Maßen bedient, bevor die Staatsanwaltschaft gegen ihn aktiv wurde.

Putin hat jene Unternehmen, die die größten Möglichkeiten für Korruption bieten, unter staatliche Kontrolle gebracht. Diese Unternehmen mögen nun nach innen so funktionieren wie Unternehmen überall auf der Welt. Trotzdem sind sie ein Vehikel, um Macht in Geld zu verwandeln. Dies geschieht an den Schnittstellen zwischen Firmen: Wann immer etwas verkauft oder gekauft wird, insb. von staatlicher Seite, bieten sich die Chancen, mitzuverdienen. Ein klassisches Beispiel ist, dass die Verantwortlichen auf der Seite des Einkäufers und der Seite des Verkäufers gemeinsam eine kleine Offshore-Firma gründen, über die das Geschäft abgewickelt wird. Nun drückt der Verkäufer seinen eigenen Preis etwas und der Einkäufer erhöht seinen, und schon macht die Offshore-Firma einige Millionen Dollar Gewinn.

Die engsten Vertrauten von Putin arbeiten an der Spitze von großen Staatskonzernen. Dort erhalten sie stattliche, aber keine unanständig Gehälter. Wenn man den Ermittlungen russischer Blogger Glauben schenken will, leben diese Direktoren aber auf unanständig großem Fuße. Es gibt inzwischen viele Luftaufnahmen von schlossähnlichen Anwesen am Rande Moskaus, wie etwa dieses hier, das dem Chef der staatlichen Eisenbahngesellschaft gehören soll: Jakunins Villa. Die Möglichkeiten, nebenher etwas zu verdienen, richten sich vor allem nach dem Umsatz eines Unternehmens, und hier sind Staatskonzerne Spitze.

Worin besteht jetzt der Unterschied zu den 1990er Jahren? Die Korruption ist etwas berechenbarer geworden. Es ist klarer, wer wieviel nehmen darf, weil es mit der Elite um Putin einen klaren Referenzpunkt gibt. Diese Konsolidierung macht das Planen für Unternehmen einfacher und führt zu einem gewissen Wachstum. In den 1990ern war es die Unvorhersehbarkeit der Korruption, die die Wirtschaft zerstörte, nicht die Korruption an sich.

Trotzdem gibt es klaren Grenzen, abgesehen von der zersetzenden Wirkung der Korruption. Denn auch wenn die "geordnete" Korruption in Russland Wachstum nicht ganz verhindert - sie schafft auch keines. Es braucht es noch einen Antreiber, den "drajwer" - driver für Wachstum, der in den vergangenen Jahren in Russland in vieler Munde war. In den 00er Jahren waren das die Ölpreise. Seit einigen Jahren kommen hier aber keine Impulse mehr, die Preise stagnieren.

Die Hoffnung, Innovation zum neuen "draiwer" zu machen, haben sich derweil nicht erfüllt. Unternehmer, die politisch keinen Einfluss haben, haben in Russland etwa den Status von Wilddieben im Wald des Fürsten. Von ihnen ist kein Konkurrenzdruck zu erwarten. Die politisch einflussreichen Unternehmer konzentrieren ihre Innovationskraft hingegen offensichtlich auf das Entwickeln ausgefeilter Offshore-Firmen-Netzwerke (interessant hierzu: die Forschungsarbeit von Baumol zu produktiven und destruktiven Entrepreneuren). Putins ambitionierte Wachstumspläne von 3% im Jahr 2016 sind vor diesem Hintergrund ohne eine Veränderung der Rohstoffpreise nicht zu erreichen.

Freitag, 19. September 2014

Interview mit der Deutschen Welle

Hier die deutsche Version meines Gesprächs mit Andrej Gurkow von der Deutschen Welle:

DW: Der "Fall Jewtuschenkow" wird zur Zeit gerne mit dem "Fall Chodorkowski" verglichen - worin liegen in Ihren Augen die Gemeinsamkeiten und worin die Unterschiede?

Janis Kluge: Bei der Verhaftung Chodorkowskis haben in meinen Augend drei Faktoren eine Rolle gespielt: Erstens ein politischer - er unterstützte die Opposition und kritisierte Putin offen. Zweitens - ein Faktor persönlicher Ehrverletzung - Chodorkowski machte Putin einmal öffentlich für die Korruption in Russland mit verantwortlich. Drittens - ökonomische Interessen. Im Fall Jewtuschenkow sehe ich nur diesen dritten Faktor - den ökonomischen. Jewtuschenkow hat stets unterstrichen, dass er ausschließlich Geschäftsmann ist und dass die Wirtschaft dem Kreml gegenüber loyal sein soll. Er war eine Art Musterschüler-Oligarch. Sein Hausarrest bedeutet, dass die Spielregeln, denen in den vergangenen 14 Jahren ein russischer Großunternehmer folgen sollte, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten, offensichtlich nicht mehr gelten. Darin sehe ich die Besonderheit und die Bedeutung des "Falls Jewtuschenkow". Was außerdem auffällt: Die Russische Vereinigung der Industriellen und Unternehmer treten dieses mal sehr aktiv für Jewtuschenkow ein. In Chodorkowskis Fall haben sie geschwiegen.

DW: Wenn die vorherigen Spielregeln tatsächlich nicht mehr gelten: Wie bedroht das die russische Wirtschaft?

Janis Kluge: Die Außerkraftsetzung der vorherigen Regeln, nach denen es für Oligarchen genügte, politisch loyal zu sein, bedeutet nicht, dass automatisch neue Regeln entstehen. Es entsteht ein Zustand der Unbestimmtheit, die Risiken steigen, und das wirkt sich natürlich negativ auf die Wirtschaft, die Investitionen aus.

DW: Welche Bedeutung haben die Verbindungen von Jewtuschenkow zum ehemaligen Moskauer Bürgermeister Luschkow in diesem Fall?

Janis Kluge: Ich glaube nicht, dass diese Verbindungen hier eine bedeutende Rolle gespielt haben.

DW: Was halten Sie von der These, dass der Rosneft-Chef Igor Setschin hinter der Verhaftung steht, dass er Baschneft gerne selbst kontrollieren und den Preis des Unternehmens bei der Übernahme senken möchte?

Janis Kluge: Es gab bereits vor einem Jahr Medienberichte darüber, dass das Energieunternehmen NNK an einer Übernahme von Baschneft interessiert sei. NNK wird von Eduard Chudajnatow geletitet, dem ehemaligen Präsidenten von Rosneft, mit dem Setschin vertraut ist. Kurz darauf erklärte Jewtuschenkow, er plane, einen Teil der Aktion von Baschneft an der Londoner Börse zu platzieren. Ein Börsengang im Ausland gilt als eine Art Versicherung gegen feindliche Übernahmen in Russland. Chodorkowski hatte kurz vor seiner Verhaftung ebenfalls vor, ausländische Investoren einzubinden. Die Pläne für einen Börsengang von Baschneft in diesem Herbst wurden durch die in Ermittlungen gegen Baschneft durchkreuzt. Gleichzeitig wurde berichtet, dass Rosneft nun Interesse an einer Übernahme von Baschneft habe. Ich gehe davon aus, dass dieses Interesse schon länger bestand.

DW: Was meinen Sie - geht es bei diesem Fall um die Expansion eines konkreten Staatsunternehmens - oder geht es um eine Strategie des Kremls, deren Ziel es ist, der Regierung möglichst viele Ölunternehmen zu unterstellen?

Janis Kluge: In meinen Augen handelt es sich um unvermeidliche Folgen des politischen Regimes in Russland. Das "System Putin" basiert auf einer weitestgehenden Zentralisierung der Macht. Das führt zur Untergrabung von staatlichen Institutionen, etwa dem Rechtssystem. Das wiederum hat zur Folge, dass die Privatwirtschaft schlechter funktioniert, was wiederum die Bestrebungen von Putin bestärkt, alles per "Handsteuerung" zu regieren. Er treibt die Nationalisierung der Wirtschaft voran, um sie Personen zu unterstellen, denen er vertraut. Dabei untergräbt er weiter die Institutionen der Rechtsstaatlichkeit, die Privatwirtschaft wird weniger effektiv, was wiederum zu Nationalisierung und Zentralisierung führt. Dies ist der Teufelskreis, in den Russland geraten ist.

Der Link zur Homepage von Janis Kluge: http://www.janis-kluge.com

Der Link zum russischen Original: Original bei dw.de

Mittwoch, 17. September 2014

Der Fall des Wladimir Jewtuschenkow

Die Verhaftung des russischen Milliardärs Wladimir Jewtuschenkow ist das Ende eine Ära. Dem 65jährigen wird vorgeworfen, bei der illegalen Übernahme eines Ölunternehmens in Baschkortistan (Baschneft) beteiligt gewesen zu sein, indem er die übereigneten Aktien in seine Holding AFK Sistema "gewaschen" hat. Initiiert wurde die kriminelle Übernahme laut Anklage von Ex-Baschneft-Chef Ural Rachimow, dem Sohn des ersten Präsidenten von Baschkortistan, Murtasa Rachimow.

Nun ist dieser Vorwurf nichts besonderes. Ähnliche Verfahren laufen in Russland hundertfach in jedem Jahr, wovon die Statistik der "ökonomischen Verbrecher" in russischen Gefängnissen zeugt. Auch geschieht es häufiger, dass Mitglieder der obersten Führungsschicht Russlands in Ungnade fallen - zuletzt traf es den ehemaligen Verteidigungsminister Serdjukow, der nach einem gigantischen Korruptionsskandal entlassen wurde. Dies wurde damals als Zeichen gewertet, dass Putin dabei ist, die schlimmsten Auswüchse der Korruption einzugrenzen.

Die Verhaftung von Jewtuschenkow fällt aber in eine andere Kategorie. Der Aufstieg des Milliardärs ist eng mit der politischen Karriere des ehemaligen Moskauer Bürgermeisters Jurij Luschkow verknüpft. Der besonders in den 1990ern sehr mächtige Luschkow wurde bereits 2010 von Dmitri Medwedjew "abgesägt". Damit verlor Jewtuschenkow einen wichtigen Unterstützer. Aber die Oligarchen der Putin-Jahre haben dazugelernt und sichern sich inzwischen in alle möglichen Richtungen ab. Jewtuschenkow selbst betonte in einem Interview des Fernsehkanals TV Doschd, dass er viele gute Freunde auf vielen Seiten habe. Er war Putin gegenüber absolut loyal. Auch spielte er nicht das unter den Kollegen Jewtuschenkows beliebte und vom Kreml ungern gesehene Offshore-Spielchen: Während bspw. Michail Fridman (der zweitreichste Russe) seine russischen Unternehmen über ineinander verschachtelte Investment-Gesellschaften in vier verschiedenen Steueroasen betreibt, ist Jewtuschenkows Holding stets "dem Vaterland treu" geblieben.

Dass diese Strategie im Fall von Jewtuschenkow nicht aufging, wird die Wirtschaftselite in Russland erschrecken. Seit Chodorkowskij ist kein Oligarch ersten Ranges mehr zu Fall gebracht worden. Die kolportierte Übereinkunft zwischen den Milliardären und Putin - wir halten uns aus der Politik raus und du lässt uns wirtschaften - scheint gebrochen. Und das zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt - die Verhaftung trifft das Wirtschaftsklima in Russland hart und wird zu weiterer Kapitalflucht führen, zu einer Zeit, in der Sanktionen und Ukraine-Krieg schwer auf der russischen Ökonomie lasten.

Putin kann dies nicht schmecken. Eine mögliche Interpretation der Situation ist, dass der von Putin stark gemachte Igor Setschin, der den Ölkonzern Rosneft kontrolliert und auch auf den Sanktionslisten steht, das Unternehmen in Baschkortistan gerne seiner Sammlung hinzufügen würde. Setschin hatte zuletzt sogar in den Märkten von Gasprom gewildert, ist also zweifellos enorm selbstbewusst. Durch die Verhaftung von Jewtuschenkow hat er bereits den möglichen Kaufpreis von Baschneft deutlich reduziert: Das Unternehmen hat nach Börsenkurs seit gestern 1 Mrd. Euro an Marktwert eingebüßt. Verliert Putin hier die Kontrolle über die von ihm geschaffene Wirtschaftsordnung? Oder ist in Putins staatskapitalistischer Wirtschaftsstrategie die nächste Stufe erreicht, bei der die großen Oligarchen ihren Teil abgeben müssen?

Jewtuschenkow hatte keine Illusionen über den Zusammenhang von Wirtschaft und Politik in Russland. 2012 kommentierte er den Fall Chodorkowski mit den Worten: "In unserer Gesellschaft muss die ökonomische Macht immer mit der politischen Macht korrespondieren. Wenn du politisch mächtig genug bist, kannst du auch ein großes Unternehmen kontrollieren. Wenn dein Unternehmen größer ist als deine politische Macht, wird es sehr schwer für dich sein, es zu halten."

Treffender hätte er auch seine eigene Verhaftung nicht kommentieren können.

Freitag, 20. Juni 2014

Why the story about the Russian journalists and the pipeline explosion is wrong

On 17th of June, a pipeline exploded in Ukraine. A few hours later, a story began making its way through blogs and Facebook: Supposedly, journalists of Russian news station and propaganda outlet Russia Today were on the scene of the explosion already 10 minutes after it happened. The obvious implication: Russians blew up the pipeline and Russia Today was informed previously.

I tried to find the source of the story and realized that there was something wrong about it. I wrote about this in my previous post (in German, see below). It is fascinating how nobody seems to believe I'm right. I'll try to make my case again, in detail.

Facts, upon which all agree:
The pipeline exploded at 14:45 local time.
The report by Russia Today came out at 13.01 GMT.
14:45 local time in Ukraine is 15:45 Moscow time.


The WRONG interpretation by EuromaidanPR and other blogs and hundreds of people sharing it on facebook:

13:01 GMT is 16:01 Moscow time. (look at the picture from EuromaidanPR below.) This WOULD mean that the story came out on Russia Today just 16 minutes after the explosion which would be really suspicious (explosion at 15:45 Moscow time, story from Russia today at 16:01 Moscow time).

The RIGHT interpretation is:

13:01 GMT is 17:01 Moscow time. The story came out 1 hour and 16 minutes after the explosion which is not suspicious (explosion at 15:45 Moscow time, story from Russia today at 17:01 Moscow time).

When the story came out, it was 13:01 GMT, 14:01 in London, 15:01 in Berlin, 16:01 in Kiew and 17:01 in Moscow.

That Moscow is GMT plus 4 is really easy to prove. You can choose whichever website you like to find out about the timezone, really just enter "time zone moscow" in Google. One example would be: http://www.timeanddate.com/worldclock/russia/moscow

But why are so many people confused about this?
The main reason: Because 10000 Facebook likes seemingly means it can't be wrong.
The second reason: There seems to be a misunderstanding about GMT. It is called Greenwich Mean Time, but that doesn't mean that it is always GMT in Greenwich/London. In the summer, London has GMT+1, the British Summer Time.

While it is true that the time difference between the actual London district and Moscow is 3 hours right now, the difference between GMT and Moscow is still 4 hours.

I'm really hoping this clears things up for everybody! I sent this to EuromaidanPR and to stopfake.org, let's see if they will do something about it.


Source: Twitter account of EuromaidanPR

Donnerstag, 19. Juni 2014

Der Kiseljow in jedem von uns

Der Ukraine-Konflikt zwingt uns wie kaum ein anderes politisches Ereignis zuvor zur kritischen Auseinandersetzung mit unserem eigenen Erkenntnis-Werkzeugkasten. Das liegt zum einen daran, dass progressive und "anarchische" Formen der Berichterstattung über Smartphone-Kamera, Youtube und Facebook gerade ihre Unschuld verloren haben. Das kurze Zeitfenster, in denen autoritäre Regierungen die Bedeutung der sozialen Medien entweder verkannten oder aber noch nicht über die technische Expertise verfügten, diese gezielt zu manipulieren, hat sich geschlossen.

Zum anderen ist die aktuelle Führung Russlands nicht nur in der Lage, über die verstaatlichte russische Medienlandschaft die Meinungsbildung nach innen gut zu kontrollieren. Sie sieht auch in der Informationspolitik nach außen eine zentrales und legitimes Mittel für die Durchsetzung der eigenen Interessen. Mit anderen Worten: Professionelle Propaganda hat die digitale Welt erfasst!

Wie können wir unter diesen Bedingungen im Internet, in Blogs und auf Facebook noch zwischen richtig und gefälscht unterscheiden? Computer ausschalten ist eine Lösung. Und wenn wir das nicht wollen?

Die einfachste Heuristik für den Umgang mit russischer Propaganda ist: Pro-Russland = Propaganda. Anti-Russland = Wahrheit. Dieser Reflex ist deshalb so verlockend, weil nichts unangenehmer ist, als der russischen Propaganda aufgesessen zu sein und damit als "nützlicher Idiot" dem Kreml gedient zu haben. Diese Gefahr ist gebannt, wenn man sich an die russlandkritischen Berichte hält.

Gleichzeitig ist diese Form der Propaganda-Abwehr natürlich alles andere als souverän. Wir immunisieren uns gegen Propaganda, indem wir den vermuteten Wahrheitsgehalt einer Nachricht von ihrem Inhalt abhängig machen. So lassen wir uns zwar nicht direkt durch den Kreml manipulieren, aber unsere Sehkraft leidet trotzdem. Unsere Antwort auf den großen russischen Propagandisten Kiseljow von Russia Today ist, dass wir in unseren Köpfen viele kleine Anti-Kiseljows errichten.

Das ist problematisch, weil soziale Medien inzwischen zu einer undurchschaubaren Grauzone der Berichterstattung geworden sind. Auf Facebook debattieren namhafte Journalisten und Politiker auf öffentlich zugänglichen Seiten. Dabei wird mit einer viel geringeren Verbindlichkeit und Genauigkeit diskutiert und geteilt, als es diese Personen in ihrem beruflichen Leben tun würden. Alles ist ein bisschen spielerisch, indirekt, angedeutet. Niemand muss aus dem Teilen einer Fehlinformation auf Facebook berufliche Konsequenzen ziehen. Alleine die Forderung nach einer Gegendarstellung zu einem Facebook-Posting - lächerlich. Trotzdem liest man dort die bekannten Namen, die man sonst neben Artikeln in der ZEIT liest oder zu einem Kommentar in der Tagesschau, und sie geben der geteilten Meldung Autorität und Authentizität.

Die folgende Geschichte hat mich zu diesem Blogeintrag motiviert: Über die Seite eines Politikers las ich in meinem Facebook-Feed die Nachricht zu einer Pipeline-Explosion, die in der Ukraine am 17.6. geschehen ist. In der Meldung hieß es, dass Journalisten des Senders Russia Today, also des wichtigsten russischen Propagandainstruments, bereits 10 Minuten nach der Explosion vor Ort waren, und bereits 16 Minuten nach der Explosion einen Bericht auf rt.com veröffentlicht hätten. Die Vermutung zwischen den Zeilen: Die Explosion war ein Anschlag und die Journalisten von Russia Today von den russischen Drahtziehern im Vorfeld informiert. Im Kommentarbereich auf Facebook hatten sich bereits mehrere Journalisten zu dieser Geschichte geäußert und diese Vermutung weiter verstärkt.


(Quelle: twitter, EuromaidanPR)


Ich versuchte, näheres über die Meldung zu erfahren und folgte dem Verweis auf die Quelle. Ich landete bei der Nachrichtenseite/dem Blog EuromaidanPR, die wiederum auf die Facebookseite des CEO des ukrainischen Gasunternehmens Naftogaz verwies. Dieser hatte die Nachricht über die "schnellen Journalisten" von Russia Today aber nicht selbst geschrieben. Vielmehr stammte das Posting ursprünglich von der Facebookseite eines Maxim Prasolov. Dessen Beitrag war bereits über 200x geteilt und über 300x von anderen Facebook-Nutzern geliked worden. Die Nachrichten, die EuromaidanPR und andere Blogs auf Grundlage dieses Postings schrieben, wurden ebenfalls hundertfach geteilt und geliked.

Prasolov hat sich wahrscheinlich verrechnet, als er die These über die russischen Journalisten aufstellte, die 10 Minuten nach der Explosion vor Ort waren. Die Meldung zur Explosion war bei rt.com um 13:01 GMT (Zeitzone) veröffentlicht worden. Die Pipeline ist nach offiziellen Angaben um 14:45 lokaler Zeit explodiert. Zwischen GMT und lokaler Zeit liegen 3 Stunden, sodass die Meldung nicht 16 Minuten, sondern eine Stunde und 16 Minuten nach der Explosion auf der Seite von Russia Today auftauchte. Evtl. war der Grund des Irrtums die Sommerzeit in Großbritannien. Jedenfalls ist 13:01 GMT nicht 16:01 Moskauer Zeit, wie auf dem Bild von EuromaidanPR angegeben, sondern 17:01 Moskauer Zeit. So etwas kann passieren und wäre normalerweise kaum relevant, dann normalerweise hätten die Berechnungen eines Ukrainers, den ich zuvor noch nicht kannte, auch keinen Nachrichtenwert für mich.

Allerdings wurde dieser irrtümlichen Meldung peu à peu Nachrichtenwert verliehen und die ursprüngliche Quelle immer weniger offensichtlich. Zunächst erhielt die These mehr Bedeutung, weil der CEO von Naftogaz sie auf seiner Facebookseite teilte. Daraufhin verfasste EuromaidanPR, das sich vor allem durch die Aufdeckung russischer Propagandalügen einen Namen gemacht hat, daraus eine Nachricht mit offiziellem Klang. Zuletzt wurde diese Nachricht von öffentlich bekannten Personen, Experten und Journalisten vor Ort, geteilt und zustimmend kommentiert. Bis die Meldung meine Facebook-Wall erreicht hat, wurde sie auf hunderten von Seiten tausende Male geliked und noch häufiger gelesen.

Der Rechenfehler von Herrn Prasolov ist offensichtlich keinem aufgefallen. Dabei hat meine Recherche dazu nur 5 Minuten gedauert. Warum hat es keiner überprüft? Wie können wir so unkritisch sein in einem Konflikt, indem wir die Bedeutung von Desinformation tagtäglich diskutieren?

Ich mache dafür die kleinen Kiseljows verantwortlich, die wir uns zum Schutz und zum Ausgleich gegen die russische Propaganda angeeignet haben. Wir sehen die gemeingefährliche Wahrheits-Verzerrung von Russia Today und versuchen individuell dagegenzuhalten. Durch Postings, Blogs, geteilte Postings usw. enstehen dabei Nachrichten, die - vor allem über Facebook-Seiten von bekannten Namen - mit jedem zusätzlichen Like glaubhafter werden. So entstehen Falschmeldungen mit Autorität, obwohl keiner bestochen wurde, keiner gefälscht oder gelogen hat.


Weder die deutschen, nach andere europäische oder amerikanische Medien werden vom Staat dafür bezahlt, zu lügen. Es gibt einen großen Unterschied zwischen der russischen und der "westlichen" Medienlandschaft. Es gibt keinen großen westlichen Kiseljow. Trotzdem, oder gerade deshalb, müssen wir auch alle russlandkritischen Nachrichten kritisch hinterfragen. Wir müssen wach bleiben, weil die Armee der vielen kleinen westlichen Kiseljows in unseren Köpfen durch "kumulierte Glaubwürdigkeit" im Netz zuweilen zu einem großen westlichen Kiseljow wird und uns genauso die Sicht vernebeln kann, wie das russische Original.


PS: Wenn ich in diesem Eintrag "wir" schreibe, kann ich natürlich nur "ich" meinen. Es geht auch um Selbstkritik. Ich möchte niemanden einschließen, der sich schon jetzt intelligenter online informiert als ich!

Quellen:
Original-Post von Prasolov - https://www.facebook.com/maxim.prasolov.5/posts/10154264895160613
Repost auf Seite von Koboljew - https://www.facebook.com/andriy.kobolyev?fref=ts
Artikel von EuromaidanPR - http://euromaidanpr.wordpress.com/2014/06/18/russian-journalists-first-on-the-scene-of-gas-explosion-in-ukraine